Forum 4: Von der Realität überholt - Jugendschutz auf verlorenen Posten?

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Version vom 15. April 2009, 09:34 Uhr von Admin (Diskussion | Beiträge)

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Das einführende Statement hielt im vierten Forum der Kinder-Film&Fernseh-Tage Prof. Dr. Christian Büttner von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. „Die Medienlandschaft in der Bundesrepublik hat kaum noch Zäune mehr, hinter denen man Bereiche als geschützt lokalisieren kann, wie man es aus der deutschen Sorge um das Wohl von Kindern und Jugendlichen gerne hätte“, leitete Prof. Büttner seinen Vortrag ein. „Grenzüberschreitende Angebote konfrontieren mit den von deutschen Freigaben abweichenden Entscheidungen anderer europäischer Länder.“ Mit jeder technischen Neuigkeit gäbe es neue Möglichkeiten, einstige Zäune zu durchbrechen, der Jugendschutz muss zwangsläufig immer hinterher hinken. „Eine pessimistische Perspektive“ also, die Zeit „der verschlossenen Schreibtischschubläden der Väter“ sei vorbei.
Deshalb müsse grundlegend neu darüber nachgedacht werden, „an welchem Ort gesellschaftlicher Verantwortung man als Jugendschützer heute arbeitet und welches Arbeitsziel – unbeschadet dessen, was andere sich vom Jugendschutz versprechen – sich daraus ergibt“.

Jugendschutz sei ein Einigungsprozess darüber, was in einer Demokratie als gefährdend anzusehen ist und was nicht. Die Maßstäbe verändern sich mit fortschreitender gesellschaftlicher Entwicklung, dem müsse der Jugendschutz Rechnung tragen.
Die Sorge der Gesellschaft um nachfolgende Generationen sei nicht immer loszulösen von Generationskonflikten, Einschätzungen darüber, was für Jugendliche gut sei, sei meist auch Ausdruck familiärer Beziehungen und Probleme. Ohnehin werde die Jugend oftmals für gefährdeter gehalten, als sie wirklich ist. In dem Zusammenhang verwies Prof. Büttner auch darauf, dass es besser wäre, Empfehlungen anstatt Warnungen auszusprechen. Wissenschaftliche Begründungen und objektive Bewertungsmaßstäbe oder Definitionen davon, was vor wem geschützt werden müsste, gäbe es nicht und würde es auch in der Zukunft nicht geben.
Andererseits seien Vorgaben und Grenzen notwendig. Kinder bis zu ungefähr zwölf Jahren orientieren sich an elterliche Vorgaben, testen die Grenzen aus, benötigen diese aber für ihre Entwicklung und sehen darin einen Schutz, d.h. „sie müssen sich der Sicherheit versichern“. Aber auch Jugendliche brauchen Grenzen. Sie beginnen sich von ihren Eltern weg zu entwickeln hin zu gesellschaftlichen Anforderungen. Sie brauchen Grenzen, um sich mit ihnen auseinandersetzen, sich an ihnen reiben und sie überschreiten zu können. Sie müssen probeweise über Grenzen gehen und zurückkehren können.

Die anschließende Podiumsdiskussion moderierte Andrea Urban, Leiterin der Landesstelle Jugendschutz in Niedersachsen. Eingeladen waren – neben Prof. Büttner - Reinhold Albert, Direktor der Niedersächsischen Landesmedienanstalt, Dieter Czaja, Jugendschutzbeauftragter bei RTL, Folker Hönge von der FSK und Ständiger Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden, Prof. Dr. Lothar Mikos von der HFF Potsdam-Babelsberg, Dr. Klaus Peter Potthast von der Bayrischen Staatskanzlei sowie der Leiter von Jugendschutz.net, Friedemann Schindler. Thema der „Glorreichen Sieben“, wie sie sich selbst scherzhaft nannten, waren die aktuellen Schwierigkeiten und Probleme des Jugendschutzes.

So wies z.B. Dieter Czaja auf die Gefahr hin, dass es zukünftig zwei Gesetze gäbe: eines für den offline- , ein anderes für den online-Bereich. Das erschwere die Arbeit der Sender massiv, denn dann müssten für ein Produkt zwei Freigaben eingeholt werden. In Bezug auf die hohen Produktionskosten von Fernsehfilmen meinte er, dass in der Zukunft der Jugendschutz schon zu Beginn des Produktionsprozesses einbezogen werden sollte, schon allein deswegen, damit teure Produktionen nicht aus Jugendschutzgründen auf spätere Sendplätze verbannt werden müssen.
Folker Hönge griff noch einmal das Problem der Alterskennzeichnung auf. Er plädierte dafür, die Altersstufen in 0-10, 10-14 und 14-18 einzuteilen, wies aber nochmals darauf hin, dass eine Altersstufenreglung sehr schwierig sei. Die Reglung der elterlichen Begleitung allerdings unterstütze er.
Andrea Urban stellte die gängige Praxis, sich an den „gefährdungsgeneigten Jugendlichen“ zu orientieren, in Frage. Das ist eine abstrakte Person, meinte Prof. Lothar Mikos, von der eigentlich niemand genau wisse, wie sie zu umschreiben ist, und forderte einen permanenten Diskurs. Ein weiteres Problem sieht er darin, dass bei FSK-Entscheidungen nach wie vor von der Wirkungshypothese ausgegangen wird, obwohl man in der Medienwissenschaft weiß, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit ist. Er plädiert dafür, ein System von Film-, Fernseh- und Internetempfehlungen zu entwickeln denn: „Jede Reglung ruft Verstöße hervor, aus dieser Spirale müssen wir herauskommen.“
Folker Hönge meinte, dass eine Positivliste mehr Charme habe, dass wir aber nicht die massiven Interessen der Medienindustrie, die weltweit den größten Wachstum zu verzeichnen hat, außer acht lassen dürfen: „Man kann doch das eine tun und muss das andere nicht lassen.“

Im weiteren berichtete Friedemann Schindler von seinen Erfahrungen im Internet und nannte die Debatte im vierten Forum „eine Luxusdebatte“. Die Notwendigkeit, dass regulierend eingegriffen wird, stelle sich hier massiv. Das Problem sei, dass das Internet zulassungsfrei sei und vor allem Amateure die unglaublichsten Angebote ins Netz stellten. Die Internet-Industrie würde auf Zeit spielen, deshalb müsste von der staatlichen Seite mehr passieren und schnell gehandelt werden. Dafür müssten auch finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden, bundesweit kümmern sich derzeit gerade mal 20 Leute um den Jugendschutz im Internet. Er forderte, dass nicht nur Milliarden für Medienstandorte ausgegeben werden, sondern dementsprechend genügend Mittel für die Entwicklung von Medienkompetenz.
Dem fügte Dr. Potthast hinzu, dass hier auch das Verursacherprinzip zur Geltung kommen sollte. Wer ein Produkt vertreibt, solle auch für die Sicherheit seines Produktes sorgen.

Für das Verursacherprinzip sprach sich auch Prof. Lothar Mikos am Ende des zwar anstrengenden, aber sehr anregenden vierten Forums aus. Mit einem schelmischen Lächeln meinte er, dass auch die Eltern herangezogen werden müssten, „denn sie sind ja schließlich die Verursacher ihrer Kinder“.