Die Eröffnung, die Filme, der „Blick in die Werkstatt“

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„Konsum, Kultur & Kindermedien“ lautet das Thema der diesjährigen Kinder-Film&Fernseh-Tage, die von der Stiftung GOLDENER SPATZ in Erfurt veranstaltet werden.
Die Kinder-Film&Fernseh-Tage finden seit 1994 im jährlichen Wechsel mit dem Deutschen Kinder-Film&Fernseh-Festival statt. Die diesjährige Konferenz wurde von der Thüringer Staatskanzlei, der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und dem Deutschen Kinderhilfswerk e.V. unterstützt und aus den Zuwendungen der Stifter des GOLDENEN SPATZ finanziert.

Rund 220 Filmemacher, Produzenten, Verleiher, Fernsehvertreter, Journalisten, Medienwissenschaftler und -pädagogen sowie andere Fachleute sind nach Erfurt gekommen, um in fünf Foren über die Ansprüche von Kindern als Mediennutzer einerseits und die Widersprüchlichkeit der Angebote des Medienmarktes andererseits zu diskutieren.
An dieser Diskussion beteiligten sich Kinder vom Offenen Kinderkanal „PIXEL“ aus Gera mit selbstproduzierten Videobeiträgen, die in den einzelnen Foren vorgestellt wurden. Diese Präsentation ist schon fast zur Tradition geworden, wie auch das begleitende Filmprogramm, das in Gera und in Erfurt lief. In diesem Jahr wurden vier brandneue Produktionen dem Publikum vorgestellt: „Hänsel und Gretel“ unter der Regie von Anne Wild, „Der Räuber Hotzenplotz“ nach den Büchern von Otfried Preußler (Regie: Gernot Roll), „Eine Andere Liga“ von Buket Alakus und zwei Folgen der isländischen Fernsehserie „Lazy Town – Los geht’s“, in der Kinder auf eine äußerst unterhaltsame Art und Weise für mehr Fitness und für eine gesunde Ernährung motiviert werden sollen. Der Erfinder, Autor, Produzent und Hauptdarsteller dieser Serie ist der bekannte zweifache Europameister in Aerobic und ehemalige „Athlet des Jahres“, Magnus Scheving. Nach den Filmvorführungen konnte das junge Publikum mit den Filmemachern ins Gespräch kommen.

Zur Eröffnung der Kinder-Film&Fernseh-Tage am Vormittag des 25. April wies der Ständige Vertreter vom Chef der Thüringer Staatskanzlei, Reinhard Stehfest, in seiner Begrüßungsrede noch einmal auf die stetig wachsende Verantwortung der Gesellschaft hin, ein breites, pädagogisch wertvolles Medienangebot für Kinder zu schaffen und schätzte ein, dass Thüringen als „der“ Kindermedienstandort immer mehr wahrgenommen wird. Zu dieser Entwicklung trägt mit Sicherheit auch der Bau eines neuen Kindermedienzentrums bei, das bereits 2007 in Erfurt eingeweiht werden soll.

Die beiden Eröffnungsstatements sollten Dr. Ulrich Schneider, der Hauptgeschäftsführer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband-Gesamtverband, und Ralf Bauer, Leiter der Markt-/Mediaforschung vom Egmont Ehapa Verlag, halten. Leider musste Ralf Bauer aus Krankheitsgründen kurzfristig absagen und so stellte die Geschäftsführerin der Stiftung GOLDENER SPATZ, Margret Albers, einige Ergebnisse der KidsVerbraucheranalyse 2005 vom Egmont Ehapa Verlag vor. Obwohl die Geburtenrate in Deutschland im vergangenen Jahr einen neuen Tiefstand seit 1945 erreicht hat, sind Kinder aus der Sicht der Wirtschaft nach wie vor eine attraktive Zielgruppe. Sie verfügen über eine hohe Finanzkraft, weil Familien zuallerletzt an ihren Kindern sparen, sie sind konsumfreudig und beeinflussen in hohem Maße den Konsum innerhalb der Familie. Interessant und neu ist, dass bei Kindern das Mobiltelefon als Sparziel Nr. 1 angegeben wird, danach folgen in gleicher Wertigkeit Spielzeug, Bekleidung, Fahrrad und Computer. Inzwischen sind die 10- bis 13-Jährigen im Besitz von 1,7 Mill. Handys. Das Freizeitverhalten sowie auch die Fernsehnutzung von Kindern ist in den letzten Jahren konstant geblieben. Nach wie vor gehen Kinder gern raus, lesen gern, basteln gern, treiben Sport und spielen mit klassischen Spielen bzw. Spielzeug. Angestiegen ist die Nutzung von Computern, dabei vorrangig zum Spielen und zur Kommunikation, weniger wird das Internet genutzt.

Während diese Analyse den Eindruck vermittelte, den Kindern bei uns geht es gut, waren die Fakten, die Dr. Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband bezüglich der Kinderarmut in Deutschland auf den Tisch legte, niederschmetternd. Nicht nur, dass die Schere zwischen arm und reich immer größer wird, durch die Langzeitarbeitslosigkeit sind Familien und damit auch die Kinder über Jahre oder gar während ihrer gesamten Kindheit arm. Insgesamt leben 14,2 % unserer Kinder, also jedes 7. Kind, auf Sozialhilfeniveau; dabei sind es in den alten Bundesländern 12 %, in den neuen 24%. Spitzenreiter auf dem Gebiet der Kinderarmut ist Berlin mit 30 %, dagegen sind es in Bayern 6 % der Kinder.
Dr. Ulrich Schneider gab Einblicke, wie die Bedarfsberechnung bei Hartz IV für Kinder vorgenommen wird, mit dem Ergebnis, dass z.B. einem Kind, das ständig wächst, 44 Euro im Jahr für Schuhe zustehen oder 1,33 Euro im Monat für Schulmaterial, also weniger, als eine Packung Tintenpatronen kostet. Für die Freizeit (Kino, Theater, Zoo oder Sportverein) steht einem Kind laut Hartz IV monatlich 2,70 Euro zur Verfügung! Diese Einkommenssituation grenzt Kinder massiv aus – sie können weder an Schulausflügen oder am Schulessen teilnehmen, geschweige denn am kulturellen Leben oder an Kindergeburtstagen. Bereits heute lässt sich nachweisen, dass Kinder in Armut schlechter ernährt und häufiger krank sind und an Konzentrationsschwäche leiden.
Vor allem aber stellte Dr. Ulrich Schneider die Frage in den Raum, was eigentlich mit den Kindern passiert, wenn Langzeitarbeitslosigkeit zur Normalität wird. In Deutschland, wo sich Familienstrukturen über eine Erwerbstätigkeit definierten, wächst die erste Generation heran, die massenweise lernt, dass es für viele keine Erwerbstätigkeit mehr geben wird. Woher nehmen Kinder und Jugendliche ihre Motivation, sich zu entwickeln, ihre Statussymbole, welche Werte werden sich formen?
Dr. Schneider beendete seine Ausführungen mit einem Appell an die Medienmacher, sich diesen Fragen in Filmen bzw. Sendungen für das junge Publikum zu stellen und Kindern zu helfen, die gesellschaftliche Realität wahrzunehmen und nach neuen Lebensmodellen zu suchen.

Am Abend des 24. April wurde den bereits angereisten Gästen ein „Blick in die Werkstatt“ gewährt, sprich: ein gerade in Produktion befindlicher Kinderfilm vorgestellt. Produzentin Uschi Reich von der Bavaria Filmverleih und Produktions GmbH, bekannt beispielsweise durch die Kästner-Verfilmungen „Pünktchen und Anton“ und „Das fliegende Klassenzimmer“, und Regisseur Tomy Wigand präsentierten einen Ausschnitt aus dem Film „TKKG und die rätselhafte Mind-Machine“ sowie zwei Teaser für die Kinowerbung.
Die Detektivgeschichten „TKKG“, von denen bereits mehr als hundert Bücher und noch mehr Kassetten bzw. CDs erschienen sind und mit denen in Deutschland viele Kindergenerationen aufgewachsen sind, haben mittlerweile Kult-Status erreicht. Die Herangehensweise an einen Kinderkrimi ist bei Uschi Reich und Tomy Wigand allerdings eine andere, als Stefan Wolf es in seinen erfolgreichen Geschichten praktiziert. Sie interessieren sich nicht in erster Linie für einen spannenden Kriminalfall, der nach dem „Whodunit-Muster“ gelöst wird, sondern stellen die Figuren mit ihren Konflikten in den Mittelpunkt. So haben die Autoren Marco Petry und Burt Weinshanker aus dem Ursprungsdrehbuch von Stefan Wolf eine komplett neue Geschichte entwickelt. Seit Anfang der 90er Jahre wurde an diesem Projekt gearbeitet, ein langwieriger Prozess, der sich – so Uschi Reich – gelohnt hat.
In „TKKG und die rätselhafte Mind-Machine“, in dem sich TKKG auf die Suche nach drei entführten Kindern begeben, geht es nun um die eigentliche Frage: Was ist Lernen und wie wird Lernen manipuliert?
Der Film ist sehr aufwändig produziert, wofür allein schon die 55 Drehtage und die Produktionskosten von 5,3 Millionen Euro sprechen. „TKKG und die rätselhafte Mind-Machine“ soll im September gestartet werden und sich vor allem an die 9- bis 12-Jährigen wenden.